Gemeinwohl-Ökonomie – mehr als CSR?

Das Konzept der Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ) wurde von dem österreichischen Autor Christian Felber als Vision eines alternativen Wirtschaftssystems entwickelt, das auf gemeinwohlfördernden Werten wie Kooperation und Solidarität statt auf Konkurrenz und Gewinnmaximierung aufgebaut ist. Stattdessen sollen Vertrauen, Verantwortung, Mitgefühl, Teilen und Solidarität gefördert werden. In seinen Büchern beschreibt Felber zentrale Elemente eines neuen Ordnungsrahmens für gemeinwohlorientiertes Wirtschaften, der in einen verbindlichen Rechtsrahmen eingebettet werden soll.
 
In 22 Staaten und in 100 Regionalgruppen entwickeln derzeit engagierte Menschen die Idee der GWÖ weiter. Seit dem ersten Bilanzjahr 2011 haben über 1.600 Unternehmen und Gemeinden weltweit die Instrumente der GWÖ genutzt und fortgeführt. Ungefähr 250 Unternehmen erstellen mittlerweile schon eine Gemeinwohl-Bilanz.
Die GWÖ hat das Ziel, dass die universalen Grundwerte der Menschen auch zu den Werten im Wirtschaftsleben werden – und dass Unternehmen, die diese Werte umsetzen, gewürdigt werden.
 

Gemeinwohl-Bilanz ist konform mit der EU-Richtlinie zur Berichterstattung

Die Gemeinwohl-Bilanz ist eine umfassende Methode, mit der aus isolierten CSR-Aktivitäten eine ganzheitliche Haltung wird. Die Offenlegung nicht finanzieller Informationen von Unternehmen ist dabei Kernbestandteil und geht in ihren Anforderungen über die entsprechende EU-Richtlinie hinaus, die 2017 Gesetz wird. Mithilfe der Gemeinwohl-Bilanz legen Unternehmen dar, welche Handlungsfelder bei ihnen wichtig sind und wie sie gelebt werden. Die Unternehmensaktivitäten werden systematisch im Hinblick auf 17 Indikatoren betrachtet, die auf fünf universale Werte aufgeteilt werden:
 
↗ ökologische Nachhaltigkeit
↗ soziale Gerechtigkeit
↗ Mitbestimmung und Transparenz
↗ Solidarität
↗ Menschenwürde.
 
Im Vergleich zu anderen Nachhaltigkeitsstandards wie GRI oder EMAS liefert die GWÖ-Bilanz nicht nur eine hohe Transparenz in allen Bereichen unternehmerischer Verantwortung, sondern auch eine qualitative Bewertung. Jeder Indikator wird in einen bis vier Subindikatoren mit den unterschiedlichen Relevanz stufen niedrig, mittel und hoch unterteilt. Jeder Subindikator beschreibt einen inhaltlichen oder organisatorischen Aspekt der Frage: Wie kann Wert X in Bezug auf die Berührungsgruppe Y gelebt werden? Die Bewertung eines Indikators und seiner sämtlichen Subindikatoren erfolgt in vier Ab- stufungen: erste Schritte (1–10 Prozent), fortgeschritten (11–30 Prozent), erfahren (31–60 Prozent) und vorbildlich (61–100 Prozent).
 

Wie kann man sich als Unternehmen bei der GWÖ einbringen?

Für Unternehmen, die sich für die GWÖ interessieren, gibt es verschiedene Möglichkeiten eines Engagements:
1: Das Unternehmen wird zahlendes Mitglied beim Verein. Zusätzlich kann es einen Einstiegsbericht erstellen, der auch extern evaluiert werden kann, aber nicht muss. Logo/Webbanner: »Unterstützer-Unternehmen der Gemeinwohl-Ökonomie«.
2: Das Unternehmen wird Mitglied beim Verein und erstellt in einer Peer-Gruppe mit anderen Unternehmen eine Gemeinwohl-Bilanz. Nach der wechselseitigen Prüfung kann die Bilanz mit der Kennzeichnung »Peer-Evaluierung« veröffentlicht werden. Das Unternehmen kann an den regionalen Bilanz-Pressekonferenzen teilnehmen. Logo/Webbanner: »Pionierunternehmen der Gemeinwohl-Ökonomie mit Gemeinwohl-Bilanz«.
3: Das Unternehmen wird Mitglied beim Verein und erstellt (idealerweise in einer Peer-Gruppe) eine Bilanz, die es extern auditieren lässt und verpflichtend veröffentlicht. Es kann an der Bilanz-Pressekonferenz teilnehmen. Logo/Webbanner: »Pionierunternehmen der Gemeinwohl-Ökonomie mit auditierter Gemeinwohl-Bilanz«.
 

Erstellung und Bewertung der GWÖ-Bilanz

Die GWÖ-Bilanz wird im ersten Schritt als Selbsteinschätzung in Form eines ausführlichen GWÖ-Berichts erstellt. Anschließend prüft und bewertet ein externer GWÖ-Auditor die darin enthaltenen Angaben. Mithilfe eines Punktesystems ergibt sich ein direkter Vergleich zwischen der Selbsteinschätzung und der Einschätzung des externen GWÖ-Auditors. Das Resultat wird im Audit-Bericht offengelegt. Das dazugehörige Testat gibt die Bilanzsumme, d. h. die erreichte Gesamtpunktzahl, bekannt. Daran lässt sich der Beitrag, den das Unternehmen für das Gemeinwohl leistet, klar erkennen und messen; der Wert ermöglicht einen Vergleich mit dem Beitrag anderer Unternehmen.
 

GWÖ als Gegenstand eines aktuellen Forschungsvorhabens

An den Universitäten Flensburg und Kiel werden derzeit die Gemeinwohl-Ökonomie sowie andere unternehmerische Nachhaltigkeitsstrategien in einem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Projekt erforscht. Untersucht werden Potenziale der GWÖ für eine sozial-ökologische Transformation. In einer empirischen Erhebung wird erforscht, wie sich die Gemeinwohl-Orientierung auf das Wirtschaften von Unternehmen auswirkt. Praxispartner wie der Outdoor-Ausstatter Vaude, die Druckerei Oktoberdruck, die Demeter-Brotbäckerei Märkisches Landbrot und der Anbieter für Öko-Tiefkühlkost Ökofrost werden dafür in qualitativen Interviews zu ihren Gemeinwohl-Anstrengungen befragt. Gemeinsam mit Großunternehmen wie der Deutschen Post, dem dm-Drogeriemarkt und der OTTO Group erarbeitet das Forschungsteam mithilfe eines Backcasting-Verfahrens mögliche und machbare Wege in Richtung einer verstärkten Gemeinwohl-Orientierung aller Unternehmen.
 
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