Hey Mama, findest du es echt okay, dass Frauen weniger Boni kriegen?

Von Nataly Bleuel
14. März 2018
 
Und du findest es echt okay, dass die Frauen bei dieser Bank 78 Prozent weniger Bon… Bon… – er brauchte Anlauf – Boni kriegen als die Männer?
 
Yep, finde ich vorbildlich, sagte ich zu meinem Sohn, der die Augen aufriss, um die Welt wieder zu verstehen. Beziehungsweise seine Mutter, denn die stand offenbar kopf. Gerade hatten wir zusammen »Bad Banks« geguckt. Meine Söhne lieben »Suits« und behaupten, die Serie zu durchblicken. Der Kleine will jetzt sogar Anwalt werden. Da könnten wir uns auch mal Jana Liekam reinziehen, hatte ich gesagt: die Frau in Kostüm, die cleverer ist als ihre Chefs, noch schneller, noch ehrgeiziger, noch durchtriebener, noch »strukturierter«.
 
Und diese irre kluge Frau soll, sagte mein Sohn nach der zweiten Folge, weniger verdienen als die Männer, obwohl sie viel besser ist?
 
Ja.
 
Aber das ist doch unfair!
 
Genau, sagte ich, das ist es. Und es ist total normal. Man nennt das »Gender Pay Gap«. Ich sagte das extra auf Englisch, klingt viel cooler als »Lohngerechtigkeitslücke«, und was die in England gerade machen, ist auch cooler als das »Entgelttransparenzgesetz«: Bis Anfang April sollen an die 9000 Unternehmen mit mehr als 250 Leuten auf einer Website ihre Gender-Pay-Gap-Daten veröffentlichen. Dabei kam unter anderem heraus, dass Investmentbankerinnen wie Jana Liekam bei der Barclays Bank um 78 Prozent geringere Boni bekommen als ihre männlichen Kollegen.
 
Um diese Lücke zu veranschaulichen – was nie einfach ist, weil, wie soll man das Nichts veranschaulichen? −, erklärte ich ihm die Sache mit dem Equal Pay Day. Du weißt ja, sagte ich, es gibt einen Weltkindertag, einen Welthungertag und einen Weltfriedenstag, und da soll’s dann einmal im Jahr um ganz viel gehen. Beim Equal Pay Day aber geht’s ums Nichts. Das ist nämlich der Tag, bis zu dem Frauen für nichts arbeiten. Erst ab dem 18. März, 77 Tage nach dem 1. Januar, verdienen Frauen in Deutschland etwas − im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen. Denn 77 Tage sind 21 Prozent von 365, und so groß ist bei uns die unbereinigte Gehaltsgerechtigkeitslücke.
 
Unbewas?
 
Tja, manche sagen, stimmt ja gar nicht, dass Deutschland da so ‘ne große Lücke hat. Die Frauen verdienen nur weniger, weil sie in Frauenberufen arbeiten. Weil sie es so wollen. Selber schuld, ällerbätsch. Weißt du, was »Frauenberufe« sein sollen?
 
Er kam sofort drauf, er musste nur seine Biografie durchgehen: In der Kita waren Frauen, in der Schule waren Frauen, im Krankenhaus waren Frauen und Frauen putzen sein Zimmer. Und die Frauen wollen das so? Weniger verdienen?
 
Weißt du, sagte ich zu meinem Sohn, da ist was, was deine Herren und Damen in »Suits« noch schnallen müssen. Die nennen es »Boni«, wir nennen es »Wertschätzung«. Und Wertschätzung ist total relativ. Was der eine für total wichtig hält, hält der andere für Larifari. Denn was der Gesellschaft was wert ist, bestimmt sie selbst. Die einen finden Profit wichtig, die anderen Freizeit; die einen finden Kunst wichtig, die anderen Kalaschnikows; die einen das neue iPhone, die anderen die Rache des Tlaloc. Ich finde Finanzderivate und Credit Default Swaps total daneben und Kinder, Schwache und Kranke wichtig. Und deswegen finde ich es total richtig, dass Investmentbanker um 78 Prozent geringere Wertschätzung kriegen und dass sich alle Herren in »Suits« ein Vorbild an der Barclays Bank nehmen und ihre Boni um 78 Prozent kürzen. Und die nächsten 77 Tage umsonst arbeiten. Ja, sagte ich versonnen, das finde ich echt okay.
 
Und da blickte mich mein Sohn an und sagte: Na, dann wünsch dir das mal zum Equal Pay Day!
 
 
 
Mehr zum Thema Gleichberechtigung findet ihr hier:
↗ Infografik Gender Pay Gap
↗ Ranking Geschlechtergleichstellung


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