Umgang mit Kinderarbeit – Rückzug als einzige Option?

Fabian Eder, Nur Baute
03. Juli 2017
 
Am 12. Juni war Welttag gegen Kinderarbeit. Speziell für im Ausland tätige Unternehmen ist das (indirekte) Ausnutzen von Kindern als Arbeitskräfte oft ein heikles Thema. Wie ist damit umzugehen, wenn klar wird, dass entlang der Wertschöpfungskette Kinder in Produktionsprozesse involviert sind?
 

Kinderarbeit ist nicht gleich Kinderarbeit

Grundsätzlich ist in Bezug auf die legale Beschäftigung von Kindern und Jugendlichen in den meisten Ländern per Gesetz ein Mindestalter von zwischen 14 und 16 Jahren festgelegt. Dabei ist allerdings darauf zu achten, unter welchen Umständen die Arbeit erfolgt. Betätigungen von Kindern oder Jugendlichen, die gefährlich oder ausbeuterisch sind, ihre körperliche oder seelische Entwicklung schädigen oder sie vom Schulbesuch abhalten, sind nicht erlaubt, da sie die Betroffenen ihrer Kindheit und ihrer Entwicklungsmöglichkeiten berauben und somit gegen die weltweit gültigen Kinderrechte verstoßen.
 
Nach Schätzungen von UNICEF sind weltweit rund 168 Millionen Kinder und Jugendliche zwischen fünf und 17 Jahren als Arbeiter im Einsatz. Die meisten davon arbeiten in der Landwirtschaft, im Dienstleistungsbereich und im produzierenden Gewerbe. Speziell in diesen Branchen kommt es somit immer häufiger zu Bemühungen vonseiten westlicher Unternehmen, Lieferketten transparent zu gestalten, um ausschließen zu können, dass Kinder in die Prozesse involviert sind. Werden entsprechende Zustände aufgedeckt, schrecken viele Unternehmen jedoch intuitiv zurück und distanzieren sich aus Angst vor schlechter Reputation von ihren Zulieferern, obwohl sie an dieser Stelle die besondere Möglichkeit hätten, noch ein Stück verantwortungsvoller zu handeln.
 

Schwarz-Weiß-Sichtweise problematisch

Fakt ist, dass die meisten der betroffenen Kinder nicht zum Spaß arbeiten, sondern vor allem deshalb, da sie und ihre Familien sonst in (noch schlimmerer) Armut leben müssten. Diese Tatsache wird oft von weiteren Faktoren wie Kriegen, Naturkatastrophen oder harten Klimabedingungen, mit denen möglicherweise der Verlust der Eltern oder eine erschwerte Versorgung der Familie einhergeht, verschärft. Dass das im Jahr 2014 in Bolivien verabschiedete Gesetz zur Kinderarbeit, das in Ausnahmefällen bereits Zehnjährigen erlaubt zu arbeiten, vorwiegend von Kindern gefordert wurde, zeigt, dass Arbeit für viele Kinder der einzige Weg ist, um zu überleben. Durch gesetzliche Regelungen könnten sie zumindest auf gewisse Standards hoffen und so unter besseren Bedingungen arbeiten.
 
Wenn sich Unternehmen dieser Tatsache nicht bewusst sind, nehmen sie durch ihre grundsätzliche Distanzierung von der Kinderarbeit den Betroffenen nicht nur ihre Lebensgrundlage, sondern auch sich selbst die Möglichkeit, zur Verbesserung der Situation der Kinder beizutragen. Auch UNICEF weist darauf hin, dass entsprechend den lokalen Umständen und unter Einhaltung der oben genannten Grundsätze nicht jede Form von Kinderarbeit verwerflich ist. Sie kann unter Umständen sogar gut sein, um Erfahrungen zu sammeln und den Zusammenhalt in der Familie und der Gemeinschaft zu stärken. Durch das Zahlen angemessener Löhne an alle Arbeitnehmer, die es Familien ermöglichen besser zu leben, könnten Kinder ihre Arbeitszeit reduzieren und so mehr Freiraum für Bildung und Entwicklung erhalten. Auch die Einführung von Schulen oder Weiterbildungsmöglichkeiten im Betrieb würde sich positiver auf die Entwicklung der Kinder auswirken, als wenn Beziehungen zu den Zulieferern überhastet abgebrochen werden. Diese müssten vielmehr durch verstärkte Zusammenarbeit, unterstützende Tätigkeiten (Vermittlung von Know-How, Spenden, Capacity Building) oder mehr Marktmacht dazu gebracht werden, die Anliegen ihrer Auftraggeber in die Tat umzusetzen. Für so einen Ansatz wäre transparente Kommunikation über die Lage und Situation der betroffenen Kinder ein absolutes Muss und käme den Kindern wesentlich mehr zugute als ein Davonlaufen aus Angst, im nächsten Klatschblatt als Kinder ausbeutender Betrieb diffamiert zu werden.


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